Auf den Spuren von Littlefoot und anderen Dinosauriern


Text und Bilder: Mirko Bleuer, 20.10.2004


Vor einer Woche berichteten einige Medien von der Ausgrabung neuer Saurierspuren im Jura. Wegen des Baus der Juraautobahn werden die steinernen Zeugen der Urzeit umplatziert werden müssen. Am Wochenende bot sich an den Tagen der offenen Grabung für Hobbyarchäologen die Gelegenheit zur Besichtigung am Originalschauplatz in Chevenez JU. Ein Augenschein.


Es regnet leicht, die Wälder auf den Jurahöhen verschwinden in Nebelschwaden. Der Wind frisst sich durch den Faserpelz, die Hände sind klamm und blass. Für Paläontologen und Archäologinnen gehören solche Bedingungen zur Arbeit. Einige der Angereisten unterschätzen diese Bedingungen allerdings, braunweisse Turnschuhe und verkrustete Lackschuhe halten ihre Träger mehr schlecht als recht auf Kurs. Die kleinsten Hobbyentdecker und Spurenjägerinnen haben mit dem Matsch allerdings gar keine Mühen, denn Mama und "Der weisse Riese" machen die Hose wieder sauber. Auf dem Grabungsareal (Bild 1) herrscht dementsprechend ein emsiges farbiges Treiben.

Übersicht über das Grabungsgebiet

Wer die Trickfilme "In einem Land vor unserer Zeit" gesehen hat, erinnert sich bestimmt an Littlefoot, das Sauropoden-Baby und dessen Eltern. Ganz ähnlich, mit langem Schwanz, ebenso langem Hals und einem kleinen Kopf, haben die Jung-Saurier der Arten Diplodocus und Brachiosaurus ausgesehen. Die ovalen Abdrücke, rund 25 - 40 cm gross (Bilder 2, 5) lassen gemäss den Forschern auf eine Körperlänge von rund fünf Metern schliessen. Grössere Tiere dieser pflanzenfressenden Arten können bis zu 30 Meter lang werden.

Sauropoden-Spuren    Theropoden-Spuren    Dünne Sedimentschichten sichtbar

In der "Jurassic Parc" Trilogie spielen kleinere fleischfressende Dinos, sogenannte Theropoden, eine tragende Rolle. Wer sie gesehen hat, kann sich gut vorstellen, wie die Urtiere hier herumgerannt sein müssen. Dabei haben sie 8 - 20 cm grosse Abdrücke ihrer Hinterbeine hinterlassen (Bilder 3, 7). Für den Laien hat das Grabungsteam die schwer zu erkennenden Vertiefungen mit Farbe hervorgehoben. Kreidelinien zeichnen die Wege der einzelnen Dinosaurier nach. Die Vielzahl von sich kreuzenden und parallel verlaufenden Abdrücken lässt auf regen "Verkehr" schliessen. Reger Verkehr herrscht auch auf der Grabungsstätte, ein paar Jahrmillionen später (Bild 6). Jacques Ayer und andere Mitarbeitende der Section d'archéologie et paléontologie des Kantons Jura erzählen den Besuchern im Halbstundentakt, wie es zu diesen Spuren gekommen ist, welche Lebewesen sie hinterlassen haben. Dabei behelfen sie sich mit Plastikmodellen und führen schon mal live vor, wie sich die Sauropoden fortbewegt haben (könnten).

Spuren eines Baby-Dinos

Im Gegensatz zu heute war in der späten Jura-Zeit, vor 150 Millionen Jahren, das Wetter subtropisch warm. Die Hügelkette wurde erst später aufgefaltet, ein Urmeer befand sich über der Gegend. Die Gezeiten des flachen Gewässers trugen Kalkschlamm und Algen ans Ufer, wo sich die Tiere aufhielten und ihre Spuren hinterliessen. Wellenartige Formationen vom Grund des Meeres stärken die These vom Jura-Strand. Trockenperioden liessen die Spuren aushärten, eine erneute Bedeckung mit Sediment konservierte dann die Trittsiegel bis heute. Das Bild oben rechts zeigt diese Schichtung der Sedimente.

Überblick über die Sektion 2 des Grabungsgebiets    Ein 'Theropedes'

Der Besucher aus der hastigen Gegenwart hält kurz inne, die beiden Epochen der Erdgeschichte prallen heftig aufeinander. Es ist schwierig, sich die vergangene Zeit vorzustellen. Irgendwie surreal wirken die Farbkleckse in den Baugruben. Der Gedanke, am selben Ort zu stehen wie Littlefoot und Co. und die Vorstellung, wie sich die Tiere in ihrer Umgebung bewegt haben, wirken faszinierend. Man glaubt zu verstehen, wieso die Forscher auch bei widrigen Bedingungen Zeugen aus der Vergangenheit ans Tageslicht befördern. Die Kälte schleicht die Beine hoch und holt einen wieder in die Gegenwart zurück. Man erfährt, dass die ausgegrabenen Abdrücke bald einer Autobahn weichen werden. Die Spuren sollen ausgeschnitten und eingelagert werden. Im Kanton Jura überlegt man, einen Geopark einzurichten und die ausgegrabenen Schätze den Interessierten dauerhaft zugänglich zu machen.

Bis die Sonne (Bild 8) wieder auf die Abdrücke im Kalk scheinen kann, wird es dieses Mal wohl nur ein paar Jahre dauern.

Sonne scheint auf die Abdrücke